Städte können verschieden definiert werden. Für das Verständnis oder die Definition von Städten sind Bauten sicherlich von entscheidender Bedeutung. In dem Sinne definiert das Ge-baute die Stadt. Die öffentliche Hand kann durch den Beisitz in einem Gremium oder durch Kooperationsverfahren usw. die Stadtentwicklung beeinflussen. Durch Projekte auf ihrem Grundeigentum kann diese Beeinflussung noch direkter erfolgen. Dabei können verschiedene Verfahren angewandt werden. In meiner Masterarbeit werde ich mich mit Wettbewerben in der Planung beschäftigen, da sie als Instrumente der Planung betrachtet werden können. Durch das Zusammenkommen von Experten aus unterschiedlichen Gebieten, mit unterschied-lichen Hintergründen, Traditionen, Gewohnheiten und Erfahrungen können innovative Lö-sungen gefunden werden. Besonders interessant ist dabei die Rolle der Fachjury. Bei der Ent-scheidungsfindung repräsentieren sie das Expertenwissen. Durch ihren Status und den kleinen Kreis von Fachjuristen besteht die Gefahr eines elitären Verhaltens. Es gibt ganz unterschied-liche Verfahren von Wettbewerben. Durch die Wahl eines Verfahrens oder durch deren De-sign (wie verläuft das Verfahren) werden viele andere Möglichkeiten, die durch ein anderes Verfahren vielleicht bestanden hätten, ausgeschlossen. Das Verfahrensdesign hat somit eine entscheidende Bedeutung für das Produkt, welches Gebaut wird, mit anderen Worten für die Lösung. Die Lösung ist wiederum das Gebaute, welches unter anderem die Stadt definiert. Somit kann die Thematik der Wettbewerbsverfahren direkt mit Stadtentwicklung und Stadt-geographie verknüpft werden. Prozess, der zur Formulierung des Programms und zum Pro-zessdesign führt, gilt es zu untersuchen hinsichtlich seiner strukturierenden Wirkung für die weiteren Prozessepisoden.
Die Problemstellung bezieht sich auf die Verfahren selber. Wie funktionieren solche Verfah-ren? Ein Verfahrensablauf kann unterschiedlich analysiert werden. Dabei kann die Realität oder Wirklichkeit in eine aktuelle und eine virtuelle Realitätsebene aufgeteilt werden. Die aktuelle Realität kann direkt gesehen oder gefasst werden. Beispielsweise können durch Do-kumente, Ausschreibungen, Eingaben, Veröffentlichungen, Pläne und Modelle gewisse Ent-scheide relativ einfach nachvollzogen werden. Gleichzeitig gibt es auch noch die virtuelle Realitätsebene. Mit anderen Worten kann die virtuelle Ebene als die Ebene von sich im Ver-laufe des Prozesses öffnenden und schliessenden Möglichkeitsräumen bezeichnet werden. Um die Entscheide und weiteren Schritte eines Verfahrens zu verstehen wird die Betrachtungs-weise dieser virtuellen Realitätsebene benötigt. Dabei spielt die Frage nach dem warum und wie eine zentrale Rolle. Wie wird das Mögliche möglich? Die Problemstellung liegt sicherlich in der Darstellung oder Aufzeichnung dieser in der Domäne des Aktuellen inkarnierte virtuel-len Welt und was daraus abgeleitet werden kann.
Wie funktioniert ein solches Verfahren unter der Betrachtung von der aktuellen- und virtuel-len Realitätsebene? Welche virtuellen Qualitäten beziehungsweise Möglichkeitsräume kom-men in welcher Phase zum Ausdruck, und wie schlagen sie sich nieder, manifestieren sie sich? Warum werden bestimmte Verfahren gewählt? In welchem Zusammenhang steht das Prozess- Design zur Realisierbarkeit der Wettbewerbseingaben? Daraus leitet sich die entscheidende Frage ab: In welchem Verhältnis steht die Lösung (=was gemacht/gebaut wird) zum Design des Verfahrens? Diese komplexe Frage kann nur unter der Berücksichtigung der virtuellen Ebene der Realität betrachtet werden.
Durch das Studium von Theorien wird die Grundlage geschaffen um ein analytisches Werk-zeug zu entwickeln. Ich werde zwei Wettbewerbsverfahren, welche beide von der Gemeinde Köniz durchgeführt wurden genau nachzeichnen. Beim einen Beispiel soll durch eine Überbauung eine Siedlungslücke in Schliern (Ort in der Gemeinde Köniz) dieser als Wohnstandort für Familien gestärkt werden. Deshalb hat die Ge-meinde Köniz gemeinsam mit 5 Generalunternehmen ein zweistufiges Wettbewerbverfahren lanciert. In der ersten Stufe wurde ein Wettbewerb mit fünf Planungsteams durchgeführt. Die Generalunternehmungen waren an der Formulierung der Wettbewerbsbedingungen, der Aus-wahl der Teilnehmer und der Jurierung der Projekte beteiligt und finanzierten das Verfahren gemeinsam mit der Gemeinde Köniz. In der zweiten Stufe bewarben sich die fünf Generalun-ternehmer um die Übernahme des Landes im Baurecht und die Realisierung des Siegerpro-jekts. Die erfolgreiche Unternehmung wurde verpflichtet, den nicht berücksichtigten Mitbe-werbern deren Finanzierungsanteil zurück zu erstatten.
Beim zweiten Beispiel handelt es sich um eine Industriebrache ganz im Zentrum von Köniz. Die Gemeinde Köniz erwartet eine ansprechende bauliche Integration der Neubauten in den Ortskern von Köniz. Dabei fand in einer ersten Phase eine Präselektion der eingegangenen Teams, welche aus Investoren und Architekten bestanden. In einer zweiten Phase folgte ein Architekturwettbewerb gemäss SIA 142 auf Einladung unter den acht selektionierten Teams.
In einem dritten Schritt wird mit den zwei oder drei erstrangierten Verfasserteams eine Ver-handlungsrunde folgen bis zu den unterschriftsbereiten Vertragsunterlagen.
Wie funktionierten diese Verfahren? Ziel ist dabei die aktuelle und virtuelle Ebene und deren gegenseitige Bedingtheit aufzuzeigen. Um die nötigen Informationen zu bekommen werde ich Experteninterviews mit betroffenen Personen machen. Weiter werde ich öffentlich zugängli-che Dokumente aber auch ‚graue Literatur’ wie zum Beispiel Sitzungsprotokolle analysieren. Nach dem Sammeln der Daten für meine zwei Fallstudien werde ich diese evaluieren. Im en-geren Sinne handelt es sich um eine Prozessevaluation. Ziel wäre danach die Erkenntnisse auf eine generalisierte Ebene zu bringen um die Frage des Zusammenhangs von Prozessdesign und Lösung zu beantworten. Es handelt sich um eine analytische Betrachtungsweise, welche bestimmt weitere Forschungsarbeit nach sich ziehen wird.